Montag, Januar 30, 2006

Deutsche Wirtschaftsgeschichte—ein Thriller

Verschlimmerte Brünings Deflationspolitik die Weltwirtschaftskrise? Führte Hitlers Autobahnbau die Volkswirtschaft aus der Krise wieder heraus? Brach die „soziale Marktwirtschaft“ mit der Nazi-Wirtschaftsordnung?

Ist Ihre Antwort auf diese Fragen "ja, natürlich", dann bedürfen Ihre wirtschaftshistorischen Kenntnisse vermutlich der Revision, oder besser: der Aktualisierung. Und dafür gibt es keine bessere Adresse als die Web-Site Albrecht Ritschls, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ritschl gehört zu einer rasch Einfluss gewinnenden Gruppe von Wirtschaftshistorikern, die historische Daten mit modernen Methoden der empirischen Wirtschaftsforschung untersuchen (auch "Kliometriker" genannt). Seine Ergebnisse revidieren viele Klischees der 1960er und 70er Jahre; in die Welt gesetzt von sozialgeschichtlich orientierten Historikern mit eher begrenzten makroökonomischen Kenntnissen. So

Ritschls Website kann in einem Makroökonomen die Lust an der deutschen Geschichte wecken. Es gibt kaum eine Sorte makroökonomischer Krise, welche die deutsche Volkswirtschaft in den vergangenen 150 Jahren nicht durchlebt hätte. Darunter befinden sich

  1. eine reine "Kontagionskrise", d.h. die Ansteckung heimischer Finanzmärkte durch einen einem Schock, der seinen Ursprung weit außerhalb der Ladnesgrenzen hatte (die Asien-Krise von 1997/98? Nein, die „erste Weltwirtschaftskrise“ von 1857),
  2. monetäre Expansion, ein spekulativer Aktienboom mit anschließendem Crash, schließlich Depression und Deflation (der New Yorker "schwarze Freitag von 1929? Nein, der „Gründerboom“ nach der Reichsgründung von 1871, und der „Gründerkrach“ ab 1873/74),
  3. Staatsbankrott durch Hyperinflation, danach Währungsstabilisierung durch ein Eintritt in ein Festwechselkurssystem (Argentinien um 1990? Nein, Weimar-Deutschland 1923/24),
  4. staatliche Überschuldung, Kapitalflucht, daraufhin eine Bankenkrise, Kapitalkontrollen und schließlich Einstellen des externen Schuldendienstes (Argentinien um 2000? Nein, Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1928-34).

Außerdem zwei inflationäre Ölpreisschocks (1973-76 und 1978-81), ein fehlgestalteter fiskalischer Groß-Stimulus („Einheitsboom“ und "Einheitsbust" 1990-94) , eine zähe Rezession im Zuge sogenannter "realer Abwertung" (der Euro-Schock seit 1998, ausgelöst durch Eintritt in ein Festwechselkursystem mit überbewerteter Währung), und die Depressionsphasen nach den verlorenen Weltkriegen (1918/19 und 1945-48).

Mit diesem Stoff ließe sich ohne weiteres ein tausendseitiger Thriller füllen, der außerdem noch als "problemorientierte" Einführung in die Volkswirtschaftslehre dienen könnte. Sollte Ritschl auf die Idee nicht kommen, werde ich mich eines Tages daran vielleicht versuchen.

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