Donnerstag, Januar 19, 2006

Die Kolumne verwüstet Herdentrieb

Während die Kolumne brach lag musste sich ihr Autor anderswo austoben, und eine dafür besonders geeignete Webpage kam vor einigen Monaten Online: Herdentrieb. Betrieben wird sie von Robert von Heusinger, einem Wirtschaftsjournalisten bei der ZEIT (den ich - Disclosure - persönlich kenne), und von Uwe Richter, einst VWL-Dozent an der Universität Witten-Herdecke. Das Anliegen der "Hirten" ist, die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland zu beleben, die in ihren Augen zu wenig makro-orientiert ist - und wer würde ihnen da nicht recht geben.

Mir gefällt an Herdentrieb, dass die Autoren sich nicht scheuen, provozierende Thesen in den Raum zu werfen - auch wenn diese manchmal mit arg heißer Nadel gestrickt sind. So behauptet ein Hirte nassforsch, die führenden Denkschulen der Volkswirtschaftslehre vergäßen samt und sonders den Kredit, und übersähen so das wichtigste Bindeglied zwischen monetärer und realwirtschaftlicher Sphäre (sinngemäß, nicht wörtlich zitiert). Als ob es John Maynard Keynes und Milton Friedman nie gegeben hätte.

Keynes assoziiert Herdentrieb dann auch nicht etwa mit der Analyse der Liquiditätsfalle, sondern mit der Forderung, zur Nachfragebelebung die Löhne zu erhöhen - wofür sich Keynes niemals ausgesprochen hat. Und Monetarismus steht Herdentrieb - man lese und staune - für "die Analyse der Geldwirtschaft mit dem geistigen Rüstzeug der Tauschwirtschaft". Dabei war es gerade der Monetarist Friedman, der die Volkswirtschaftslehre um ein grosses Instrumentarium zur Analyse der Geldwirtschaft bereicherte - Geldmultiplikator, Zerlegung der Geldumlaufgeschwindigkeit in Einlagen-Reservenquote und Einlagen-Bargeldquote, fraktionales Reserven-Banking, usw. usf.. Und Friedmans Hauptanliegen war, eine geldpolitischen Strategie zu entwerfen, welche den Einfluss der labilen Finanzmärkte auf die Realwirtschaft minimieren würde.

Solche Thesen dürfen nicht unwidersprochen bleiben, und so widerspricht die Kolumne. Einige meiner Herdentrieb-Diskussionbeiträge werde ich demnächst hier einstellen, aber andere sind nur aus der Auseinandersetzung mit den Hirten heraus verständlich. Deswegen hier eine kurze Tour für interessierte Leser:

  1. Herdentrieb meint - hier und hier - die Deutschen hätten in den vergangenen Jahren genug Lohnzurückhaltung geübt. Jetzt müssten die Löhne wieder kräftig steigen, andernfalls gerate sowohl der Aufschwung wie auch die europäische Währungsunion in Gefahr. Die Kolumne entgegnet dass nur weitere Lohnzurückhaltung - zumindest am unteren Einkommensrand - eine Chance eröffne, die Massenarbeitslosigkeit abzubauen, und plädiert für Lohnsubventionen. Im Gegensatz zu Herdentriebs Behauptung sei Lohnzurückhaltung weder eine schädliche "Beggar-they-Neighbor"-Politik gegenüber den anderen Mitgliedern der europäischen Währungsunion, noch entziehe sie der Volkswirtschaft Nachfrage.
  2. Herdentrieb beschwert sich - hier, hier und hier - über die angeblich zu restriktive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Für die Kolumne hingegen deuten alle Indikatoren auf eine expansive, nicht restriktive, EZB-Geldpolitik; und jene Indikatoren, welche Herdentrieb zur Stützung seiner These vorbringt - etwa niedrige Kerninflation - würden von den Hirten fehlinterpretiert. Herdentrieb und die Kolumne schätzen auch die Verdienste Alan Greenspans unterschiedlich ein. Während Herdentrieb dem Ex-Fed-Chef das hohe Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft zugute schreibt, nimmt die Kolumne Greenspan in Haftung für den Aufbau des größten privaten US-Schuldenbergs seit der Weltwirtschaftskrise.
  3. Herdentrieb hält - hier und hier - Hans-Werner Sinns provokantes Buch "Die Basar-Ökonomie" für grundfalsch, die Kolumne nur für ein wenig übertrieben. Die Kolumne hat allerdings größte Probleme mit der Argumentation einiger Sinn-Kritiker.

In die Debatte haben sich andere kenntnisreiche Diskutanten eingeschaltet, etwa ein Herr/eine Dame "Die Fragen", der/die eher meine Ansichten teilt; und ein Herr/eine Dame "eclair", der/die es eher mit Herdentrieb hält.

3 Comments:

Anonymous Die Fragen said...

Das ist ja schön, dass Sie Ihr eigenes Weblog haben. Da finden sich ja viele interessante Dinge. Werde mich die Tage hier mal genauer umschauen.

Beste Grüße

Die Fragen

Sonntag, Januar 29, 2006  
Anonymous Kostas said...

Hochkompetent und sehr engagiert - so wie sie mir noch aus unseren Zeiten im Forum einer gewissen Partei her bekannt sind.

Weiter so!

Sonntag, April 02, 2006  
Anonymous Anonym said...

Sorry, dass ich eher abrupt aus ihrem Blickfeld verschwand. Dafuer hatte ich gute Gruende, die ein anderes Mal eroertert werden.

In der Keynes Sache bin ich jetzt so weit gekommen, mit dem Verfassen einer grundsaetzliche Wuerdigung zu beginnen. Das Glossary waechst u. gedeiht.

Bei den Hirten war ich zwischenzeitlich auch wieder einmal. Aber als ich das Lohnstueckkosten'argument' fand, musste ich lauthals lachen. Man kann jetzt bereits die kommenden Artikel der Hirten ahnen. Da werden dann die restlichen 'Argumente' der Bofinger, Hickel, und sonstigen Stamokaps abgefackelt werden. Ich denke, die Hirten wissen ueberhaupt nicht, was sie tun. Das hab ich denen auch geschrieben. Bei den Muensterianern war ich auch noch einmal. Oh mein Gott, diese Klischees. Unser gemeinsamer Stalker Freund tobt sich wieder im CDU Forum aus. Stoesst aber - wie anderswo auch - auf Ignoranz, es sei denn, er hat einen gefunden, der ihn noch nicht kennt. Es ist doch wirklich unfair gegenueber Zimmermann, dass man ihn sperrt, den Stalker jedoch nicht.

Ich hoffe ich lese bald wieder einmal einen neuen Eintrag auf ihrem wunderbaren Blog!

-K

Montag, Mai 29, 2006  

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